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Montag, den 19. Dezember 2011 um 09:33 Uhr

Functional Movement Screen®: Möglichkeiten und Grenzen, Teil 2/2

Written by  Robert Heiduk

Was kann der Functional Movement Screen (FMS®) leisten und was nicht? Im zweiten Teil unseres Artikels analysieren wir dieses Konzept unter sportwissenschaftlichen Gesichtspunkten.

Der Functional Movement Screen® (FMS®) gehört zu der Gruppe der sog. „Kinetic Chain Assessments“. Diese Tests prüfen das neuromuskuläre Zusammenspiel mit dem Ziel sogenannte „weak links“ in der Bewegungskette ausfindig zu machen und mittels therapeutischer Übungen zu korrigieren.


Der FMS® beinhaltet eine Reihe bekannter „Kinetic Chain Assessements“:

  • Lower Extremity Functional Profile
  • Range of Motion Assessment
  • Transversus Abdominis Strength Assessment
  • Transversus Abdominis Acitivation Assessment
  • Lumbo-Pelvic Rhythm Assessment
  • Scapulo-Humeral Rhythm Assessment
  • Extensor Chain Firing Order Assessment
  • Rotational Movement Assessment
  • Spinal Extension Assessment

 

FMS® Pyramide

Das Functional Movement Systems®-Konzept postuliert mit der „Optimum-Performance-Pyramid“ ein spezifisches Modell der sportlichen Leistungsfähigkeit: Die oberste Ebene bilden die „Functional Skills “, die in der klassischen Trainings- und Bewegungslehre als sportartspezifische Fertigkeiten bezeichnet werden. Den Mittelteil bildet die „Functional Performance“ -Ebene, womit die konditionellen Fähigkeiten gemeint sind.

Die Basis der „Leistungspyramide“ bilden die sog. „Fundamental Movements“ oder „Functional Movements“. Eine genaue Auseinandersetzung oder Erklärung dieser Begriffe bleibt im Rahmen des FMS®-Manuals jedoch aus. Gerade wenn die Basis des Konzeptes „Movement“, also Bewegung ist, wäre es sinnvoll in diesem Zusammenhang zu erfahren, was Bewegung überhaupt ist. Und wie entsteht Bewegung eigentlich? Wie sollen effektive Korrekturstrategien entworfen werden, wenn dem Therapeuten oder Trainer die Vorstellung über die „Zutatenliste“ für das „Produkt Bewegung“ fehlt?

 

Was ist Bewegung?

Um zu verstehen, was der FMS® tatsächlich testet, muss deutlich werden, wie Bewegung physiologisch entsteht (siehe Abb).

Bewegung ist das Produkt einer sensorischen Integrationsleitung des Gehirns.

Damit motorische Programme entstehen können, benötigt das Gehirn sensorische Informationen aus verschiedenen Sinnes-Kanälen. Die Qualitäten dieser sensorischen Inputs bestimmen die Qualität des motorischen Outputs. In der Sportwissenschaft werden sie als koordinative Leistungsvoraussetzungen bezeichnet.

Hier liegt die erste bedeutende Einschränkung in den Möglichkeiten des FMS®. Der Test ist nicht in der Lage die koordinativen Leistungsvoraussetzungen für komplexe Bewegungsmuster zu erfassen. Wenn bereits Einschränkungen bei der Funktionstüchtigkeit des Zentralen Nervensystems (ZNS), der Reflexe oder der Sinnesorgane vorliegen, kann keine optimale Bewegungsleistung daraus hervorgehen. Unsere Abbildung verdeutlicht weiterhin, dass aus neuronaler Sicht der größte Teil der Bewegungsleistung VOR der eigentlichen Bewegungsaktion erfolgt. Der FMS® testet jedoch immer nur ein bestimmtes Endprodukt, statt die Zutaten unter die Lupe zunehmen.


Um nicht im Trüben zu fischen, wäre für eine optimale Bestimmung des Status Quo eine Überprüfung der optischen, vestibulären und propriozetpiven Fähigkeiten erforderlich. Für Spielsportler ist zusätzlich ein Test der akustischen Fähigkeiten sinnvoll.


Aus unserer Sicht hängt eine hohe Bewegungsqualität in erster Linie vom Ausprägungsgrad der koordinativen Fähigkeiten ab. Diese sehen wir als zentrale Aspekte der Bewegungspräzision und Bewegungsökonomie an. Sie befähigen den Sportler zur Ausübung spezifischer Bewegungen wie es beispielsweise der FMS® testet.

 

Dimensionsanalytische Betrachtung

Die „Optimum-Performance-Pyramid“ weist unter genauerer Betrachtung eine wesentliche Inkonsistenz auf: Wie bereits erwähnt, werden die Testübungen des FMS® als „Fundamental Movements“ bezeichnet. Aus sportwissenschaftlicher Sicht entspricht der FMS® jedoch einer Testbatterie, bei der spezifische Fertigkeiten (Skills) getestet werden. Per definitionem handelt es sich hierbei um standardisierte Bewegungsabläufe (Techniken), die höchste Ausführungsqualität verlangen.

Zum Vergleich: Das Deutsche Sportabzeichen ist beispielsweise ebenfalls eine Testbatterie, die spezifische Fertigkeiten testet. Die meisten Fertigkeiten werden quantitativ, d.h. nach Leistung bewertet. Die Gruppe des Gerätturnens wird jedoch genau wie im FMS einer qualitativen Bewertung unterzogen. „Die Bedingung (….) ist erfüllt, wenn die Ausführung mit „gekonnt“ bewertet wird“(Deutsches Sportabzeichen Prüfungswegweiser 2011, 10). Einziger Unterschied zum FMS®: Statt einem Rating von 0 bis 3 gibt es hier lediglich gekonnt oder „nicht gekonnt“, also eine 1 oder 3 á la FMS®. Ein Rating von 0 bis 3 wäre hier ebenfalls möglich.


Aus sportwissenschaftlicher Sicht sind FMS® und Deutsches Sportabzeichen Testbatterien der selben Kategorie. Somit sind auch deren Intentionen untereinander austauschbar.


Kann ein Proband den Test „Bocksprung, „Radschlag“, „Radwende“ oder den „Handstand“ nicht korrekt durchführen (Wertung von 1), könnten wir - wie beim FMS® – bei näherer Betrachtung funktionelle Defizite attestieren. Die Mängel müssten dann durch therapeutische Übungen korrigiert werden. Ohne diesen therapeutischen Hintergedanken würden wir schlichtweg sagen, dass die Bewegung nicht korrekt erbracht wurde, weil der Proband nicht (genug) geübt hat.

Effektivste Lösungsstrategie: Wenn ich einen Handstand beherrschen möchte, muss ich den Handstand trainieren. Ist das Ziel eine Radwende, scheint es sinnvoll eine Radwende zu üben. Der therapeutische Begriff der „Corretive Strategies“ wird in der Methodik und Didaktik des Sports als „Methodische Übungsreihe“ bezeichnet.

Die Bewegungslehre würde also jede Testbewegung des FMS® als Fertigkeit (Skill) einstufen. Da alle Fertigkeiten trainiert werden können, übt man folglich die Technik des Ausfallschritts, um bei dieser FMS® Testübung besser abzuschneiden. Um eine bessere Überkopf-Kniebeuge zu absolvieren, trainiert man die Überkopf-Kniebeuge. Und was trainiert man für den Liegestütz? Richtig: eine methodische Übungsreihe für den Liegestütz.

Menschen mit wenigen Bewegungserfahrungen und -kenntnissen weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit für ein schlechtes FMS®-Testergebnis auf, als Diejenigen mit einem vielfältigen Bewegungsrepertoire. Die Gründe dafür liegen in den unterschiedlichen entwickelten koordinativen Leistungsvoraussetzungen. Bewegungstherapeuten bezeichnen Defizite in diesem Bereich auch als als „propriozeptive Verarmung“. Wenn trotz eines spezifischen Übungsprogrammes Fortschritte ausbleiben, ist ein gründliches Testing der koordinativen Leistungsvoraussetzungen und wichtigsten Reflexantworten angesagt

 

FMS® und sportliche Leistung

Eine aktuelle Studie [7], die kürzlich im Journal of Strength and Conditioning Research veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass es keine Zusammenhänge zwischen der athletischen Leistungsfähigkeit und den Testergebnissen beim FMS® gibt. Ein Maximalkrafttest 1RM der Kniebeuge, zeigte dagegen signifikante Zusammenhänge zu den 10- und 20-Meter Sprintleistungen, der Sprunghöhe beim Vertikalsprung und einem Wendigkeitstest. Die US-Studie wurde an 25 Golfern der Nationalen Spitzenklasse durchgeführt. Interessanterweise gab es sogar positive Korrelationen der 1 RM Kniebeugenleistung zur Abschlaggeschwindigkeit des Schlägerkopfes. Somit scheint die Maximalkraftleistung bei der Kniebeuge nicht nur im Zusammenhang mit allgemeinen athletischen Fertigkeiten in Zusammenhang zu stehen, sondern auch mit spezifischen athletischen Fertigkeiten.


Fazit der Forscher: Der FMS® ist nicht geeignet um Aussagen über die athletische Leistungsfähigkeit zu machen. Die Maximalkraftleistung bei der Kniebeuge scheint hierfür ein geeignetes Instrument zu sein.


Die Ergebnisse decken sich mit eigenen Erfahrungen. Die Möglichkeiten eines Screens eröffnen aus unserer Sicht vielmehr die Möglichkeit zu Erstellung individualisierter Trainingsprogramme, die ihren Schwerpunkt in der Verbesserung von spezifischen Bewegungsmustern haben. Im Grunde sollte diese Zielsetzung immer im Fokus des Trainings stehen. Ein Trainer, der beispielsweise ein Krafttrainingsprogramm mit den Übungen Kniebeugen, Liegestütze und Ausfallschritte erstellt,  achtet darauf, dass diese Bewegungsmuster korrekt ausgeführt werden. Hoffentlich. Wer erst durch einen Screen dazu ermuntert werden muss auf optimierungsbedürftige Bewegungsmuster zu achten, hat offensichtlich vorher ein anderes Selbstverständnis von den Aufgaben eines Trainers gehabt.

 

FMS® und Verletzungen

Der ursprüngliche Einsatzzweck von Screening-Methoden im Sport ist die Talentsuche und die Erkennung von Ausschlussfaktoren für bestimmte sportliche Aktivitäten. Für den FMS® wird oft die Prognosemöglichkeit von Verletzungen als Einsatzaufgabe vorangestellt. Konkret bezieht sich diese Aussage auf eine Studie von Kiesel und Kollegen (2007), in der der Frage nachgegangen wurde, ob ein FMS® Verletzungen voraussagen kann.

In der Studie wurden 46 professionelle Football-Spieler untersucht. Das Ergebnis zeigte, dass ab einem Grenzwert von unter 14 Punkten beim FMS®-Test, ein erhöhtes Verletzungsrisiko für die Spieler prognostiziert werden konnte. Dieses Ergebnis wurde allerdings mathematisch über eine sog. Grenzwertoptimierungskurve errechnet, was als Methode zur Optimierung von Parameterwerten eingesetzt wird. Damit konnte dem FMS® in dieser Studie eine hohe Sensivität und Spezifität bezüglich des Untersuchungsziels zugerechnet werden.

Eine aktuelle Studie [9], die im Juni 2011 im International Journal of Sports Physical Therapy erschienen ist, hatte das Ziel Referenzwerte für den FMS® bei sportlich aktiven Menschen zu gewinnen. Es wurden 209 sportlich aktive Probanden (108 Frauen und 101 Männer) zwischen 18 und 40 Jahren mittels FMS untersucht. Die Ergebnisse zeigten ein durchschnittliches FMS®-Ergebnis bei 16 von 21 Punkten. Zwischen Frauen und Männern gab es keine signifikanten Unterschiede.

Bemerkenswert: Es gab bei den FMS®-Testergebnissen ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen Probanden, deren Anamnese Verletzungen beinhaltete und Denjenigen, die keine Verletzungen in ihrer Vorgeschichte aufwiesen. Die Frage, welche sich daraus ergibt: Wenn ein Test nicht in der Lage ist vorausgegangene Verletzungen zu erkennen, wie will er dann zukünftige Verletzungen vorhersagen? Offensichtlich herrscht hier die falsche Auffassung vor, man könne mit einem Screen Verletzungen voraussagen oder gar verhindern.

 

FMS® und biomechanische Grenzen

Jeder Mensch ist anders. Strukturelle bedingte Kompensationsmuster schaffen andere biomechanische Bedingungen, welche die Aussagekraft von Bewegungen des FMS® relativieren.

Ein Beispiel: Bei der Überkopf-Kniebeuge sind nicht selten Auffälligkeiten im Bereich des Beckens in der tiefsten Hockposition zu beobachten. Neben behebbaren funktionellen Störungen, gibt es jedoch auch eine Reihe von Athleten die aus biomechanischen Gründen nicht in der Lage sind eine korrekte Beckenposition in der tiefen Hocke aufrecht zu erhalten.

Nach aktuellen Untersuchungen betrifft etwa 10-18 % der athletischen Population ein genetisch bedingtes Impingement und fehlende Rundung des Hüftgelenks. Neben der vermeintlich „unfunktionellen“ Beckenposition zeigen derartige Athleten Kompensationsmuster mit stark außenrotierten Fußstellungen bei der Kniebeuge.

Sportler deren Trainingsformen Adaptationen des Hüftkopfes nach dem Wolffschen Gesetz aufweisen, können ebenfalls einen Anschlag des Hüftkopfes in der Gelenkpfanne zeigen, was wiederum zu den o.g. Kompensationsmustern führen kann.

 

Fazit

Die gute Vermarktung des FMS® hat dazu geführt, dass sich jetzt auch Fitnessindustrie und Personal Trainer Gedanken um Bewegungsqualität machen. Der FMS® ist ein gutes Marketingtool, weil dieses Konzept einfach und verständlich vermittelt, in welcher Weise es im Training um gute Bewegung gehen kann. Durch die steigende Popularität der Marke FMS® und der zunehmenden Kommerzialisierung der therapeutischen Funktionsdiagnostik, werden die substanziellen Hintergründe und physiologischen Konzepte zum Zwecke eine hohen Verbreitungsgrades zu stark vereinfacht.

Der für Technogym tätige Athletiktrainer Juan Carlos Santana formulierte es frei übersetzt so:


„Die Fitness-Industrie schafft Trainingssysteme, um ihre Philosophien zu unterstützen, Methoden, um ihre Trainingssysteme zu unterstützen, Trainingsprogramme, um ihre Methoden zu unterstützen und Übungen, um ihre Trainingsprogramme zu unterstützen. So kreiert man ein Haus von progressiver Information“.


Die fundamentalste Bewegungsform des Menschen ist der Gang. Selbst in der bewegungsarmen westlichen Welt ist dies immer noch die am meisten verbreitete Form der Alltagsmotorik. Eine Ganganalyse kann ein probates Mittel zur Bewegungsanalyse darstellen.

Für Leistungssport und Therapie sollte eine professionelle Bewegungsevaluation bei den Grundlagen ansetzen. Dies sind Testungen von relevanten Reflexen und der koordinativen Leistungsvorausetzungen. Hier sind insbesondere visuelle, vestibuläre und propriozeptive Fähigkeiten von Bedeutung. Diese bilden die Grundlage für die Entwicklung von sicherer Alltagsmotorik, aber auch von spezifischen sportlichen Fertigkeiten auf höchstem Niveau.

 

Literatur

[1] Chorba, R. S., Chorba D. J., Bouillon L. E. , Overmyer, C. A., Landis, J. A. Use of a Functional Movement Screening Tool to Determine Injury Risk in Female Collegiate Athletes. Am J Sports Phys Ther. 2010 June; 5(2): 47–54.

[2] DOSB, Deutsches Sportabzeichen Prüfungswegweiser, Stand 2011

[3] Kiesel K, Plisky PJ, Voight ML. Can serious injury in professional football be predicted by a preseason functional movement screen? N Am J Sports Phys Ther. 2007; 2(3): 147-158.

[4] Mechling H. et al.: Koordinative Anforderungsprofile ausgewählter Sportarten. Training der Bewegungskoordination. Bd. 2. Köln (Strauß) 2003.

[5] Meinel,K. Schnabel, G.: Bewegungslehre – Sportmotorik. München (Südwest) 11. Auflage 2007

[6] Neumaier, A. : Koordinatives Anforderungsprofil und Koordinationstraining. Köln 3. Aufl. 2006

[7] Parchmann, C., McBride, J. Relationship between Functional Movement Screen and Atheltic Performance. Journal of Strength and Conditioning Research 25(12)/3378–3384 . 2011

[8] Roth, K./Willimczik, K. : Bewegungswissenschaft. Reinbek (Rowohlt) 1999

[9] Schneiders, A. G. Davidsson, Å, Hörman, E., Sullivan, S. J. Functional Movement Screen Nomative Value in a young acitve polulation. The International Journal of Sports Physical Therapy. Volume 6, Number 2, June 2011. 75-82

Last modified on Dienstag, den 10. Januar 2012 um 15:45 Uhr
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